Willkommen in Berlin

Die Europäische Gesellschaft zu psychischer Gesundheit bei Intelligenzminderung (EAMHID) begrüßt Sie zum 13. internationalen Kongress mit dem Titel »Aus der Wissenschaft in die Praxis: Verbesserung der psychischen Gesundheit bei Menschen mit einer intellektuellen Entwicklungsstörung«.

Die Fachgesellschaft hat zum Ziel, Wissenschaftler: innen, Praktiker:innen und politischen Entscheidungsträgern eine Plattform für den Wissens- und Erfahrungsaustausch zu bieten, um die psychische Gesundheit von Menschen mit einer intellektuellen Entwicklungsstörung in ganz Europa zu verbessern. In den letzten Jahren haben wir einen besonderen Schwerpunkt auf Osteuropa gelegt und dort die internationale Zusammenarbeit und Projekte, z. B. in Kroatien, Moldawien, Polen und Rumänien gefördert.

Der Kongress findet dieses Jahr in einem Hybridformat statt, sodass Menschen vor Ort in Berlin oder Online aus der ganzen Welt teilnehmen können. Die Hauptkongresssprache ist Englisch, einige Tracks werden zweisprachig präsentiert. Darüber hinaus werden ein Workshop-Track und ein wissenschaftliches Programm in deutscher Sprache angeboten.

Das Wissenschaftsprogramm umfasst ein breites Themenspektrum in verschiedenen Formaten wie Keynotes, Vorträge, Symposien, Poster und Workshops. Alle wissenschaftlichen Abstracts werden in einer Sonderausgabe des Journal of Intellectual Disability Research (JIDR) veröffentlicht, die in Ihrem Kongresspaket enthalten ist.

Darüber hinaus erwartet Sie ein reichhaltiges Kulturprogramm mit musikalischen Highlights wie den Posaunenbläsern aus Lobetal, der Band »Oder so« aus Bethel und dem Pianisten Moritz Pinnow aus Hamburg sowie der Improvisationstheatergruppe Gorillas aus Berlin. Wir wünschen Ihnen viel Freude bei unserem Kongressdinner im Restaurant Spreespeicher am 23.09.2021 und all den anderen Gelegenheiten zum Networking und geselligen Austausch.

Wir danken dem Bundesminister für Arbeit und Soziales, Hubertus Heil, für seine Schirmherrschaft, der v. Bodelschwinghschen Stiftung Bethel für die Organisation des Kongresses sowie unserer deutschen Partnerorganisation DGSGB, dem Kongress und Kulturmanagement (KUKM) und den zahlreichen Ehrenamtlichen und Unterstützenden hinter den Kulissen.

Mit herzlichen Grüßen, Ihre

Tanja Sappok
Kongresspräsidentin

Priv.-Doz. Dr. med. Tanja Sappok

Brian Fergus Barrett
Vize-Kongresspräsident

Dr. Brian Fergus Barrett

Grußworte

Zum 13. Internationalen Kongress der EAMHID wird Jürgen Dusel ein Grußwort sprechen. Jürgen Dusel ist seit Mai 2018 Beauftragter der Bundesregierung für die Belange von Menschen mit Behinderungen. Zuvor war der Jurist mehrere Jahre Beauftragter der Landesregierung für die Belange der Menschen mit Behinderungen in Brandenburg. Dusel ist von Geburt an stark sehbehindert.

Bildquelle: Behindertenbeauftragter/Henning Schacht

Videobotschaft von Bundesminister für Arbeit und Soziales Hubertus Heil

Videobotschaft von EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen zum EAMHID 2021 in Berlin

Videobotschaft von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn

Grußwort der Universität Bielefeld zum EAMHID 2021 in Berlin

Videobeitrag von Personen mit Behinderungen

Interviews mit eingeladenen Vortragenden

Tina Cook

Jeanne Farr

Andre Strydom

Karl Elling Ellingsen

Über die EAMHID

Die European Association for Mental Health in Intellectual Disability (EAMHID) bietet eine Plattform für Akademiker, Gesundheitsfachleute und politische Entscheidungsträger. Der Zweck dieser Vereinigung ist die Erleichterung der internationalen Zusammenarbeit und des Wissens- und Erfahrungsaustausches auf dem Gebiet der psychischen Gesundheit von Menschen mit geistiger Behinderung. Besonderes Gewicht wird auf die Koordination und Förderung wissenschaftlicher Aktivitäten und die Verbesserung der Standards der Versorgung und Unterstützung in ganz Europa gelegt.

Die EAMHID-Kongresse sind multidisziplinär und werden seit 1995 alle zwei Jahre in verschiedenen europäischen Ländern organisiert. Sie bieten klinischen Praktikern, Akademikern, Dienstleistern und Experten für psychische Gesundheit die Möglichkeit, sich über neue und aufkommende Entwicklungen im Bereich der psychischen Gesundheit zu informieren.

Interview mit Tanja Sappok aus dem KEH Report

Das Behandlungszentrum für psychische Gesundheit bei Entwicklungsstörungen (BHZ) am KEH hat den psychiatrischen Versorgungsauftrag für alle Bürgerinnen und Bürger mit Intelligenzminderung in Berlin. Können Sie uns etwas über Ihre Arbeit in diesem Bereich und die besonderen Herausforderungen sagen?

Ich habe dieses Arbeitsfeld durch die Rotation im Rahmen meiner psychiatrischen Ausbildung eher zufällig kennengelernt und ich muss sagen: Ich war davon schnell gefesselt und erfüllt.

Gefesselt, weil die Arbeit inhaltlich einfach so wahnsinnig vielseitig und spannend ist. Medizinisch ist es wirklich herausfordernd, weil unsere Patient*innen oft so komplexe körperliche und psychische Krankheitsbilder haben, die im Kontext der erschwerten diagnostischen Abklärung ein breites Wissen und umfassende Erfahrung erfordern.

Erfüllt, weil die Begegnung mit den Menschen selbst, die so oft aus allen Rastern rausfallen, und deren Geschichten und Dasein in jeder Hinsicht besonders und individuell sind, eine große persönliche Bereicherung darstellt. Ich genieße dabei insbesondere das Unerwartete, die oft völlig aus jeder Konvention herausfallenden Wendungen. Als ich z. B. mit einem Patienten im Rahmen eines Buchprojekts über seine drei größten Wünsche sprach, antwortete er zunächst erwartungsgemäß mit „Musik, ganz viel Musik“, denn er ist wirklich ein talentierter Musiker, als zweiten Wunsch nannte er dann aber „Einen Stern, so einen richtigen echten Stern, wie er am Himmel ist.“, und einen dritten Wunsch hatte er nicht, das war genug für ihn, jedenfalls zu dem Zeitpunkt und in dieser Situation. Wer kommt denn auf so eine Idee, sich einen Stern zu wünschen, und noch dazu einen richtigen echten, wie er am Himmel ist? Aber gerade solche Bemerkungen sind es, die mich dazu anregen, „out of the box“ zu denken. Das schafft Abstand zum üblichen Alltagsgeschäft und eröffnet neue Räume.

Schlussendlich genieße ich auch die bedingungslos erforderliche interdisziplinäre und interprofessionelle Zusammenarbeit. Mit meinem eigenen, rein medizinischen Fachwissen bin ich schnell am Ende meines Lateins, wenn es um die Behandlung von Menschen mit schwerer geistiger und mehrfach körperlicher Behinderung geht. Ich brauche unabdingbar die Expertise anderer Disziplinen und Fachrichtungen. Für so einen neugierigen Menschen wie mich ist das absolut wunderbar-herrlich. Da wird einem nicht langweilig. Ich lerne täglich dazu und wachse über mich hinaus. Das ist eine schöne Erfahrung, und noch schöner ist es, diese Erfahrungen in der Gemeinschaft mit den Kolleg*innen zu machen. Da kann es dann auch schon mal sein, dass für das ein oder andere „Meisterstück“ ein Kuchen gebacken wird, den wir gemeinsam verzehren….

Das BHZ ist im vergangenen Jahr 20 Jahre alt geworden. Wie hat sich die Arbeit in dieser Zeit verändert?

Oh, es ist viel passiert in all den Jahren. Unser Wissen hat sich kontinuierlich weiterentwickelt und ausdifferenziert, und uns stehen mittlerweile viel mehr Untersuchungsinstrumente und Therapiemöglichkeiten zur Verfügung.

„Autismus“ war z. B. in den Kinderschuhen des BHZ eher eine seltene Diagnose, mittlerweile wissen wir durch eigene und externe Studien, dass ca. 20% unserer Patient*innen an einer Autismusspektrumstörung leiden. Frühere Diagnosen, z. B. einer Borderlinestörung (wegen der Impulskontrollstörung) oder einer schizophrenen Psychose (wegen der uneinfühlbaren Verhaltensweisen und sensorischen Besonderheiten), wurden daher unter Umständen revidiert und ein neuer therapeutischer Weg eingeschlagen.

Auch der von Anton Dosen eingeführte emotionale Entwicklungsansatz führte im Verlauf zu einer Neukonzeptualisierung von Psychiatrie bei Menschen mit intellektueller Beeinträchtigung: Sowohl die gezeigten Verhaltensweisen als auch die psychiatrischen Diagnosen sind abhängig vom emotionalen Entwicklungsalter. Während z. B. oppositionelles und impulsives Verhalten bei einem emotionalen Referenzalter von 3-4 Jahren typisch und erwartungsgemäß ist, kann es bei z. B. einem 50-jährigen einen Krankheitswert haben. Dieser Ansatz hilft uns, besser zu verstehen, was in den Menschen vorgeht, wie sie die Welt wahrnehmen, die Wahrnehmung verarbeiten, und warum sie sich wann wie verhalten. Wir können auch zielgerichtete Therapiemethoden wählen, die in Abhängigkeit vom jeweiligen emotionalen Referenzalter wirksamer und damit erfolgreicher sind.

Auch die Einführung der pädagogischen Berufsgruppe in das Behandlungsteam, und zwar sowohl in der Berufsgruppe der Pflege als auch der Therapie, war ein Meilenstein für die veränderte Arbeit im BHZ. Dadurch konnten nicht nur pädagogische Konzepte und Behandlungsweisen integriert werden, sondern auch der Transfer der Behandlungsergebnisse ins natürliche Lebensumfeld der Personen besser und nachhaltiger gestaltet werden.

Was leider unverändert geblieben ist, sind die baulichen Gegebenheiten, die nicht mehr zeitgemäß sind. Ich bin aber zuversichtlich, dass der lang geplante Neubau im kommenden Jahr endlich in die operative Umsetzung geht.

Im September organisieren Sie als Kongresspräsidentin den 13. Europäischen Kongress zu psychischer Gesundheit bei intellektueller Entwicklungsstörung. Was ist die European Association for Mental Health in Intellectual Disability (EAMHID) und was ist die Idee hinter dem Kongress?

Die europäische Fachgesellschaft für psychische Gesundheit bei intellektueller Beeinträchtigung, EAMHID, ist die europäischer Partnerorganisation der deutschen Gesellschaft für seelische Gesundheit bei geistiger Behinderung (DGSGB). Sie wurde Anfang der 90er Jahre von Anton Dosen und Kolleg*innen in den Niederlanden gegründet und setzt sich für die Verbesserung der psychischen Gesundheit bei Menschen mit Intelligenzminderung ein, indem sie eine Plattform für Wissenschaftler*innen und praktisch Tätige bietet. Dies geschieht einerseits durch die Organisation von 2-jährlichen Wissenschaftskongressen, die in wechselnden Ländern Europas stattfinden, aber auch durch Masterclasses im Zusammenhang mit den halbjährlichen Vorstandstreffen, die Koordination von europäischen Forschungsanträgen, die Unterstützung von Special Interest Groups wie dem Network of Europeans on Emotional Development (NEED), und die Publikation und Herausgabe von wissenschaftlichen Arbeiten und Büchern, z. B. in der assoziierten Zeitschrift Journal of Intellectual Disability Research (JIDR).

Der EAMHID Kongress selbst bietet zahlreiche Veranstaltungen und Begegnungsräume für Wissenschaftler*innen und Praktiker*innen, aber auch Menschen mit Behinderungen und deren Familien. Ich freue mich darauf, Menschen aus ganz Europa in Berlin und „online“ begrüßen zu dürfen, denn der kommende EAMHID Kongress wird das erste Mal in seiner Geschichte als Hybridkongress angeboten werden. Ich hoffe sehr, dass die hiervon ausgehenden Impulse nachhaltig die medizinische Versorgung und Betreuung von Menschen mit intellektueller Behinderung im deutschsprachigen Raum verbessern werden.

Das Motto des diesjährigen Kongresses ist „Aus der Wissenschaft in die Praxis: Verbesserung der psychischen Gesundheit bei Menschen mit intellektueller Entwicklungsstörung“ – können Sie uns ein bisschen mehr über die Inhalte verraten?

Wir sind sehr gut im Zeitplan mit der Kongressorganisation, der jetzt auch in einem neuartigen Hybidformat angeboten werden wird. Das erlaubt uns flexibel auf die dann vorliegende Pandemiesituation reagieren und allen eine sichere Kongressteilnahme gewährleisten zu können. Die eingeladenen Referent*innen für die Keynote, State-of-the-Art, und Meet-the-Expert Vorträge stehen schon fest. Wir erwarten hier z. B. Marco Bertelli aus Italien, Andre Stydrom und Chris Oliver aus Großbritannien, Peter Vermeulen aus Belgien, Jeanne Farr aus den U.S.A, und tolle ReferentInnen aus Deutschland wie Christine Preißmann, Nicole Strüber und Michael Seidel. Darüber hinaus wird es 8 Pre-congress Workshops in englischer und 10 In-congress Workshops in deutscher Sprache geben. Neben brandaktuellen Entwicklungen in wichtigen Themengebieten wie Autismus, Demenz, Verhaltensstörungen, Genetik, Trauma und Psychopharmakotherapie, werden aber auch neuere Aspekte wie z. B. Covid-19, Resilienzforschung, sex. Präferenzstörung für das kindliche Körperschema, Theatertherapie oder Elternschaft mit Intelligenzminderung behandelt werden.
Wichtig war mir persönlich auch, das Thema „T4“, also die Sterilisations- und Vernichtungsaktionen im Dritten Reich, zu adressieren. Ich denke, dass wir in Deutschland nicht Gastgeber für so einen innovativen Wissenschaftskongress „am Puls der Zeit“ sein können, ohne an das Unrecht zu erinnern, das vielen Menschen mit Behinderung in der deutschen Vergangenheit widerfahren ist. Dazu wird es nun einen T4-Gedenkgottesdienst geben, Herr Prof. Seidel wird einen historischen Vortrag darüber halten, und wir bieten einen begleiteten Ausflug zur T4-Gedenktstätte in Brandenburg an.

Ein weiteres Ziel für uns bei dem Kongress ist, nicht nur über Behinderung zu reden, sondern auch Menschen mit Behinderung aktiv in die Kongressorganisation einzubinden und ihnen die Teilnahme daran zu ermöglichen. So haben wir z. B. Daniel Treder als festes Mitglied im lokalen Organisationskomitee, Menschen mit Behinderung referieren selbst Workshops und sind Teil des Organisationsteams während des Kongresses, und es gibt eine vergünstigte Kongressteilnahmegebühr. Co-produktive Symposien bieten eine gute Plattform für die aktive Kongressteilnahme von Menschen mit Behinderungen. Ein Programmheft in Leichter Sprache ermöglicht allen Teilnehmenden, sich zu informieren und zurechtzufinden. Ich wünsche mir, wirkliche Begegnungs- und Diskussionsräume auf Augenhöhe und in allen Kongressaspekten zu schaffen, so dass Menschen mit Behinderung nicht nur für ein unterhaltsames Pausenprogramm zuständig sind.

Schlussendlich haben wir neben dem Wissenschaftsprogramm ein reichhaltiges und abwechslungsreiches Kulturprogramm vorgesehen, von der Eröffnungszeremonie mit Gästen wie Herrn Dusel, dem Behindertenbeauftragten der Bundesregierung, Herr Jonitz, dem Präsidenten der Ärztekammer und Teilnehmer*innen von Special Olympics, über eine Welcome Reception mit der Bethel-Band „Oder-So“, bis hin zum Kongress- und Speakers-Dinner mit musikalischem und „berlintypischem“ kulturellen Rahmenprogramm.

Wer kann an dem Kongress teilnehmen?

Der EAMHID Kongress ist ein Wissenschaftskongress, der von den Beiträgen der Teilnehmenden lebt. Wir laden daher Wissenschaftler*innen aus aller Welt, aber auch in der Praxis Tätige ein, die sich über aktuelle Entwicklungen und ggw. medizinische und therapeutische Standards informieren wollen. Der Kongress ist aber auch offen für Personen mit Behinderung und ihre Familien. Ich denke, mit den zum Teil ungewöhnlichen Formaten wie den In-Congress Workshops, aber auch der Übersetzung der Keynote- und State of the Art Lectures, gibt es für alle etwas Spannendes zu entdecken.

Natürlich kann man die Corona-Pandemie bei der Organisation einer Veranstaltung nicht außer Acht lassen – gibt es schon einen Plan B, falls der Kongress nicht im ursprünglich geplanten Umfang stattfinden kann?

Da haben Sie Recht, auf die Situation muss man reagieren, da kann man nicht einfach business-as-usual weitermachen. Wir haben uns daher in der letzten EAMHID- und DGSGB-Vorstandssitzung entschlossen, den Kongress in einem Hybrid-Format anzubieten. Das ermöglicht den Teilnehmenden die Kongressteilnahme, selbst wenn sie nicht persönlich anwesend sein können. Die Vorträge aus den verschiedenen Sälen werden dann im live-stream für die registrierten Teilnehmenden zugänglich sein und es wird die Möglichkeit geben, den eigenen Beitrag vorab abzufassen und als Video einzuschicken. Aber auch den Teilnehmenden vor Ort werden wir in Abhängigkeit von der Pandemieentwicklung eine sichere Teilnahme durch ein gutes Hygienekonzept bieten. Dazu haben wir ja in den vergangenen Wochen viel Wissen dazugewonnen.

Insgesamt bleibe ich aber optimistisch und gehe davon aus, dass wir im September kommenden Jahres einen inspirierenden Kongress in Berlin haben werden, der hoffentlich auch viele junge Menschen für die Arbeit mit Menschen mit Behinderung begeistert und sich positiv auf das Leben in Deutschland auswirkt.

Tanja Sappok, im November 2020